Match: GD Estoril – FC Famalicao
Wettbewerb: Eröffnungsspiel Liga Portugal Betclic
Zuschauer: 2.284
Es war das Eröffnungsspiel der höchsten portugiesischen Spielklasse. Mit Estoril traf eine Mannschaft aus dem Mittelfeld der Vorsaison auf die Mannschaft aus Famalicao, die im vergangenen Jahr „best of the rest“ in Portugal war.
An- und Abreise
Estoril liegt an der namensgebenden Estorilküste etwa 20 Kilometer westlich von Lissabon. Es gehört noch zum Speckgürtel der Metropole und ist mit einer wunderschönen Küste mit Sandstrand gesegnet. Da Lissabon selbst keinen Strand hat, ist Estoril wie auch Cascais selbst ein beliebtes Ausflugsziel für Strandbesuche.
Die Anreise nach Estoril ist mit verschiedenen Verkehrsmitteln möglich. Aus dem Zentrum von Lissabon sind es knapp 30 Minuten mit dem Auto zum Stadion, der Strand ist nur wenige Minuten entfernt. Zu empfehlen ist auch hier die Anreise mit dem Zug, der von der Station Cais do Sodré in Lissabon eine wunderschöne Panorama-Strecke direkt am Meer entlang bis Cascais fährt. Aber Obacht: Der Zug verkehrt nur bis in die Abendstunden (ca. 21 Uhr) und kann somit bei Abendspielen nicht für den Rücktransport genutzt werden. Wer die szenische Route auf dem Hinweg trotzdem bestaunen möchte, kann den Weg zurück nach Lissabon jedoch auch mit einem Taxi oder Uber bestreiten. Der Kostenpunkt für ein Uber in die Lissaboner Innenstadt lag bei ca. 25€.
Zu empfehlen bei der Zugfahrt ist der Ausstieg an der Station „Monte Estoril“, mit anschließendem Fußweg zum Stadion (Achtung: 20 Minuten, meist leicht bergauf). Wer schlecht zu Fuß ist, kann hier auch einen Bus nutzen.
Für die Zugfahrt wird eine navegante-Karte benötigt (mehr dazu bei meinen Ausführungen zum Estadio da Luz). Es wird recht häufig kontrolliert. Bei einem Fahrkartenpreis von 2€ pro Fahrt wäre Betrug aber ehrlicherweise auch ziemlich dämlich.
Stadion
Das Estádio António Coimbra da Mota ist auf Deutsch gesagt eine Bruchbude. Eine Tribüne ist komplett gesperrt, da sie einsturzgefährdet ist, mehrere Blöcke auf den übrigen beiden Tribünen ebenso. Daher fasst das Stadion statt den vorgesehenen 8.000 Zuschauern derzeit auch nur 5.094 Personen. Gesperrt sind die Blöcke A, H, I, J, K und N.
Doch obwohl man im Stadion die ganze Zeit hofft, dass alle Steine auf den anderen bleiben, hat das Ganze irgendwie doch Flair. Der Fußball ist hier simpel. Es gibt ungefähr fünf Angestellte, die alle alles machen und sogar mit Wasser und Popcorn durch die (spärlich besetzten) Reihen gehen. Bei ihnen kann man nur mit Bargeld bezahlen, im Rest des Stadions ist die Kreditkarte das Mittel der Wahl. Die Preise sind sehr human (Getränk 2,50€), Bier gibt es hier wie in allen portugiesischen Stadien nicht. Sehr wohl jedoch zahlreiche Ameisen. Die ignorieren euch zwar im Normalfall, stellt aber besser keine Becher, die mal zuckerhaltige Getränke enthalten haben, auf dem Boden ab. Für euch getestet.
Atmosphäre
Das ganze Stadion hat den Charme des kaputten. Warum sich der portugiesische Verband entschloss, hier das Eröffnungsspiel der neuen Saison auszutragen, bleibt völlig unklar. Die Musik kommt nicht synchron aus den Lautsprechern, sodass man auf bestimmten Teilen der Tribünen „seven nation army“ im 6/9-Takt hört. Die organisierten Fans der Heimmannschaft (es sind gut 50) finden sich im oberen Teil des Blocks C wieder, womit sie konsequent den Aufgang in den Stadionumlauf blockieren (zumindest wenn man in Block C oder D seinen Platz hat). Wo man sitzt, ist aber bei so einer spärlich besuchten Veranstaltung wie diesem Ligaauftakt ohnehin zweitrangig – de facto herrschte bei nur etwas mehr als 2.200 Zuschauern freie Platzwahl.
Die 50 Getreuen von GD Estoril verfügen über einen Capo, der Lieder anstimmt und einen alten Mann, der ganz vorne vor dem Block an der Werbebande lehnt, den Takt der Lieder völlig verfehlt und sich dabei in durchaus extravaganten Handbewegungen verliert. Für Entertainment ist gesorgt, wenn auf dem Feld mal nichts los ist. Zu empfehlen ist, eine etwas höhere Reihe zu wählen, denn in den unteren Reihen schaut man auf der Haupttribüne (Blöcke A-G) auf die Rückwände der Auswechselbänke. Die Karte kostet 25€, für Mitglieder ist sie günstiger.
Wer Lust auf den unmittelbaren Atmosphären-Kick hat, geht jedoch überhaupt nicht auf die Tribüne, sondern begibt sich in den bunkerähnlichen Anbau namens „Fan Zone“ hinter der Haupttribüne. Hier gibt es einige Durchbrüche, durch die man auf das Spielfeld schauen kann, in einer davon sitzt der Kommentator. Eine Tür oder eine Absperrung gibt es natürlich nicht – wer schon immer mal Fußball vom Kommentatorenplatz erleben wollte, kommt dem hier sehr nah. Je nach Größe des Kommentators könnte es aber schwierig werden, selbst noch etwas vom Spiel zu sehen.

Spielverlauf
So schlecht der Zustand des Stadions auch war, so schlecht war auch das Spiel. Ein chancenarmes, letztlich über weite Strecken langweiliges Spiel, das durch einen Treffer in der 32. Minute zugunsten von Famalicao entschieden wurde. Das Anrennen der Gastgeber in der Schlussphase brachte keine Früchte – obwohl man es ihnen letztlich gegönnt hätte, da beide Mannschaften nicht überzeugen konnten.
Fazit
Die Estorilküste ist wunderbar. In Europa findet man wenige schönere Orte – der Besuch lohnt sich auch abseits des Fußballs. Im Stadion dominiert der Charme des Kaputten, aber auch der des Familiären. Kleiner Club, kleine Fanbase, kein fußballerischer Hochgenuss – und doch am Ende über 2.000 enthusiastische Menschen, darunter viele Familien, die den Ball fliegen sehen wollen. Wer portugiesischen Fußball unter Portugiesen und abseits der hochpolierten Lissaboner Stadien erleben möchte, ist hier richtig – das ist Fußball.
